Muskel Graffiti

Fitness- und Muskelsucht / "Muscle Dysmorphia"

 
 

Der Begriff "Muscle Dysmorphia" beschreibt eine, vor allem bei Männern beobachtete, zunehmend problematische Körperwahrnehmung, hohe Körperunzufriedenheit und entsprechende Kompensationsstrategien. Der Körper wird als zu schmächtig gesehen. Damit verbunden ist oft das Gefühl, zu viel Körperfett zu haben, so dass der Körper optisch nicht muskulös genug erscheint.                                   

 
 

Vortrag von Roland Müller zum Thema "Körperkult und Fitnesssucht bei jugendlichen Männern" (Fachtagung Jugend unter Druck am 15.März 2016 in Linz)

 
 

Was ist gemeint?

Es ist schwierig, einen treffenden Begriff in deutscher Sprache für ein relativ neues, aber immer häufiger beobachtetes Phänomen in der westlichen Gesellschaft zu finden: Muskel- oder Fitnesssucht bei Männern. In der Englischen Sprache wird häufig der Begriff „Muscle Dysmorphia“ verwendet.  

Der Begriff Muscle Dysmorphia“ beschreibt eine, vor allem bei Männern beobachtete, zunehmend problematische Körperwahrnehmung, hohe Körperunzufriedenheit und entsprechende Kompensationsstrategien. Der Körper wird als zu dünn und zu wenig muskulös gesehen. Damit verbunden ist meist das Gefühl, zuviel Körperfett zu haben, so dass der Körper optisch nicht muskulös genug erscheint. Um die Unzufriedenheit abzubauen, wird das (oft tägliche) Fitnesstraining im Fitnessstudio vor alles andere gestellt. Es werden strenge Ernährungspläne eingehalten und im Extremfall illegale Substanzen eingenommen, um das Erscheinungsbild des Körpers zu optimieren. Die Gedanken Betroffener kreisen fast ausschliesslich um Training, Ernährung und Körperbild.

  • Oft unterstützt jedoch der Freundeskreis diesen Lebenswandel nicht. Es kommt damit zusätzlich zu sozialer Isolation.
  • Die Angst um den Verlust von körperlicher Attraktivität führt zu chronischem Stress und grosser Anspannung.
  • Die anhaltende gedankliche Beschäftigung mit Körperbild, Trainingsplan und Ernährung führt zu mangelhafter Konzentration im Alltag.
  • Die strengen Ernährungspläne können in eine Essstörung führen (Essanfällen oder Bulimie). Oft erleben Betroffene Essanfälle, das heisst Kontrollverluste im Essverhalten bei denen deutlich mehr gegessen wird als normalerweise, oder aber Symptome einer Bulimie. 
  • Die soziale Isolation kann Depressionen zur Folge haben. Dasselbe gilt für den Missbrauch von Medikamenten.
  • Nicht nur Depressionen, sondern auch gesteigerte Aggressivität und Reizbarkeit können Folgen der Einnahme von leistungsfördernden Substanzen sein.
  • Die gesundheitlichen Risiken für den Körper werden gleichzeitig stark verdrängt. In der Konsequenz suchen viele Betroffene eine Lösung ihrer Probleme, indem sie sich noch mehr auf ihren Körper, Training und Ernährung konzentrieren. Sie befinden sich in einem sie immer weiter einschränkenden Kreislauf.

Es ist wichtig, Bodybuilding und Krafttraining nicht automatisch mit „Muscle Dysmorphia“ oder einer anderen psychischen Störung gleichzusetzen. In der heutigen, bewegungsarmen Gesellschaft erfüllen viele Menschen das wichtige und gesunde Bewegungspensum, indem sie regelmässig ein Fitnessstudio besuchen. Die Geräte und Trainingsmethoden erlauben ein effizientes und absolut gesundes Krafttraining. Wichtig in der Grenzziehung zwischen einer gesunden versus kranken Einstellung zu Training und Körper ist nebst der Einstellung zu Körper und Körperbild der Grad an Zwanghaftigkeit und der entstehende Stress, wenn Training und Ernährung nicht wie gewohnt eingehalten werden können. Es gilt also Hingabe (englisch: Devotion) von einem stark unter psychischen Leidensdruck motivierten Krafttraining/Fitnesslifestyle zu unterscheiden.

Habe ich eine "Muscle Dysmorphia"?

1. Fühlen Sie sich zu dünn obwohl andere Ihnen sagen, sie wären zu muskulös?

 2. Haben Sie das Gefühl, dass Sie die Kontrolle über Ihre Trainingsgewohnheiten verloren haben?

3. Dominieren körperliche Aktivitäten zur Optimierung des körperlichen Erscheinungsbildes Ihr Leben?

4. Verbringen Sie mehr als eine Stunde pro Tag damit, zu trainieren, um Ihre Körperform zu verbessern?

5. Verbringen Sie mehr als 30 Minuten pro Tag damit, Ihre körperliche Erscheinung zu prüfen?

6. Nehmen Sie aktuell Medikamente ein (Steroide, Diätpillen, Muskel-Aufbauende Mittel) um Ihre Körperform zu optimieren?

7. Setzen Sie regelmässig die Priorität auf Ihr körperliches Training, vor Karriere oder Studium/Schule?

8. Setzen Sie regelmässig die Priorität auf Ihr körperliches Training, vor Freunden, Familie oder der Beziehung?

9. Haben Sie Ihren Trainingsplan fortgesetzt, obwohl sie verletzt oder krank waren?

10. Vermeiden Sie Situationen, in denen Ihr Körper von anderen gesehen/beurteilt werden könnte?


Wenn 5 oder mehr Fragen mit Ja beantwortet wurden, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, Symptome einer Muscle Dysmorphia entwickelt zu haben.

Nach:
John F. Morgan (2008) : The Invisible Man; Routledge, East Sussex.

Ja/Nein

 

Häufigkeit

Für die Schweiz fehlen bisher repräsentative Angaben weitgehend. Die meisten Daten stammen aus den USA, den nordischen Staaten Europas und Italien. Eine aktuelle Befragung im Auftrag der Gesundheitsförderung Schweiz unter Schweizer Teenagern zeigt jedoch, dass rund 75% der männlichen Befragten mit ihrem Körper unzufrieden sind. Dabei wünschten sich die meisten Jungen mehr Muskelmasse und weniger Körperfett. In der Tendenz der bisher vorliegenden Zahlen aus den USA ist davon auszugehen, dass rund 20% bis 40% der männlichen Fitnessstudiobesucher die Kriterien einer „Muscle Dysmorphia“ teilweise oder ganz erfüllen. Bei den Frauen ist von einer Häufigkeit im einstelligen Prozent-Bereich auszugehen. Frauen neigen nach wie vor stärker zur Entwicklung einer sogenannten klassischen Essstörung. Gemeint sind Anorexie und Bulimie. Ess- und Körperdysmorphe Störungen sind aber in ihrer Ausprägung von Symptomen und ihrem Verlauf sehr schwankend und wechselhaft. Die Basis liegt in einer starken Unzufriedenheit mit dem Körper und dem Körperbild. Davon sind Frauen wie Männer immer stärker betroffen. Es gibt keine rein weiblichen oder männlichen Essstörungen.

Entstehung

Die Muskeldysmorphie ist ein nach wie vor wenig erforschtes und gleichzeitig komplexes Störungsbild. Eine Vielzahl bisheriger publizierter Studien untersuchte vor allem Einflussfaktoren auf den Drang nach (mehr)  Muskelmasse sowie Körperunzufriedenheit im Bezug auf die Erscheinung der Muskulatur (Murray, S.B., Nagata, J.M. et al:  The enigma of male eating disorders: A critical review and synthesis. Clin Psychol Rev 2017. 57:1-11). So konnten unter anderem Einflüsse durch den Konsum von Fitnessbezogenen Printmedien (Cramblitt, B., Pritchard, M:  Media's influence on the drive for muscularity in undergraduates. Eat Behav 2013. 14(4):441-6), Peers (gleichaltrige Kollegen) die sich bereits mit Krafttraining beschäftigen sowie kritische Kommentare der Eltern zum Körperbild ihrer Söhne identifiziert werden (Smolak, L. Murnen, S.K. et al: Sociocultural Influences and Muscle Building in Adolescent Boys. Psychol Men Masc 2005. 6(4):227-234). Den Peers scheint bei der Entstehung der Körperunzufriedenheit wie auch des Dranges nach mehr Muskelmasse eine hohe Bedeutung zuzukommen. Weiter scheinen auch das Gewicht (BMI), aber auch das Ausmass an Orientierung an einem medial geformten Körperideal Einfluss die Entstehung einer Muskeldysmorphie zu haben (Palazon-Bru, A., Rizo-Baeza, M. et al:  Screening Tool to Determine Risk of Having Muscle Dysmorphia Symptoms in Men Who Engage in Weight Training at a Gym.  Clin J Sport Med 2018. 28(2):168-173)( Schneider, C. , Rollitz, L. et al:  Biological, Psychological, and Sociocultural Factors Contributing to the Drive for Muscularity in Weight-Training Men.  Front Psychol 2016. 21(7):1992 ). In der Zusammenfassung bisheriger experimenteller Studien zeigt sich, dass bei Männern die Exposition mit Bildern hypermuskulöser Männerkörper sofort die Körperunzufriedenheit und den Drang nach mehr Muskelmasse ansteigen lässt. Dies unterstreicht die Wichtigkeit, die dem (digitalen) Medienkonsum in der Entstehung, aber auch Prävention und Therapie von Körperbildproblemen bei Männern zukommt. 

Körperbildstörungen und Essstörungen bei Männern

Die Thematik der Essstörungen bei Männern wurde bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts vernachlässigt. Frühe diagnostische Einordnungen verlangten gar nach körperlichen Symptomen, die nur den weiblichen Körper betrafen, genannt sei das Ausbleiben der Regelblutung bei der Diagnose einer Anorexie (Murray, S.B., Nagata, J.M. et al:  The enigma of male eating disorders: A critical review and synthesis. Clin Psychol Rev 2017. 57:1-11). So wurden Männer in der Essstörungsdiagnostik und Essstörungsforschung lange kaum berücksichtig. Gleichzeitig wurden Männer mit Körperbild- und Essstörungsproblemen schweren Stigmatisierungen ausgesetzt. Seit den 1970er Jahren änderte sich jedoch der Blick auf die Essstörungen bei Männern. Interessanterweise nimmt seit dieser Zeit auch das Mode- und Schönheitsmarketing bei Männern rapide zu (Leit, R, Pope H, Gray J: Cultural expectations of muscularity in men: the evolution of playgirl centerfolds.  Int J Eat Disord (2001) 29(1):90-3) . Daten aus dem englischsprachigen Raum belegen, dass heute jugendliche und junge Männer bereits häufiger Behandlungen und Beratungen wegen problematischem Essverhalten aufsuchen (Murray, S.B., Nagata, J.M. et al:  The enigma of male eating disorders: A critical review and synthesis. Clin Psychol Rev 2017. 57:1-11 ). Aus der bisherigen Forschung zeigt sich, dass Männer unabhängig vom Ausprägungsgrad einer bestimmten Ess- oder Körperbildstörung einen höheren Fokus auf Muskulatur aufweisen und eher zu körperlicher Aktivität und Training neigen als dies bei Frauen der Fall ist. Diagnosetools und auch Therapieinstrumente sind jedoch noch nicht spezifisch an Männer angepasst (Murray, S.B., Nagata, J.M. et al:  The enigma of male eating disorders: A critical review and synthesis. Clin Psychol Rev 2017. 57:1-11 ). Körperbild- und Essstörungsprobleme bei Männern sind nach wie vor gesellschaftlich verkannt. Es gilt, zu enttabuisieren und zu entstigmatisieren. Männer unterliegen heute den gleichen Einflussfaktoren auf das Körperbild wie Frauen und zeigen entsprechende Schwierigkeiten im Umgang mit diesem sozio-kulturellen Druck. 


Geschlechtliche Orientierung und gestörtes Körperbild bei Männern

Die bisherigen Daten zeigen, dass homosexuelle Männer eine höhere Rate für Essstörungen aufweisen und eher einen Drang entwickeln, dünn sein zu wollen. Dies gilt jedoch nach bisherigem Wissensstand nicht für die Muskeldysmorphie. Homosexuelle und heterosexuelle Männer unterscheiden sich nicht bezüglich Häufigkeit und Ausprägungsgrad der Muskeldysmorphie (Calzo, J.P., Sonneville, K.R. et al: Gender Conformity and use of laxatives and muscle building products in adolescents and young adults.  Pediatrics 2016, 138(2) ;  Calzo, J.P., Masyn, K.E. et al:  Patterns of body image concerns and disordered weight- and shape-related behaviors in heterosexual and sexual minority adolescent males.  Dev Psychol 2015. 51(9). 1216-25. ). Das Stigma, dass Männern mit muskelbezogenen Körperbildproblemen „zu wenig männlich“ oder gar „verbeiblicht oder grundsätzlich homosexuell“ sind, kann somit entkräftet werden!

„Muscle Dysmorphia“, Bodybuilding und Essstörungen

Muscle Dysmorphia  geht meistens einher mit intensive Trainingsroutinen und strenge Ernährungsplänen aus dem Kraftsportbereich. Oft ist dabei die Grenze zu Essstörungen fliessend. Die Studienlage aus der Forschung ergibt ein gemischtes Bild. Studien aus den USA und Europa weisen darauf hin, dass Untersuchte mit einer Muscle Dysmorphia eher Essstörungen (vor allem Bulimie) in der Vorgeschichte aufwiesen (Hildebrandt, T., Schlundt, D. et al: Presence of Muscle Dysmorphia Symptomology among male weight lifters. Compr Psychiatry 2006. 47(2): 127-35). Gerade bei der Bulimie ist die Sorge um das Körperbild eines der wichtigsten Kriterien. Die kraftsportdienliche Ernährungsweise mit vielen Geboten und Verboten ist ein wichtiger Auslöser für Essanfälle, wie sie bei der Binge Eating Disorder vorkommen. Die Lust auf die verbotenen Lebensmittel steigert sich dabei extrem. Gibt man nach, verliert man oft die Kontrolle und isst dann bis zu einem unangenehmen Völlegefühl. Das Essen geschieht dabei heimlich und ist von einer starken Scham und Schuldgefühlen begleitet. Es erstaunt nicht, dass Binge Eating bei Männern mit Muscle Dysmorphia aber auch extremen Kraftsportlern gehäuft vorzukommen scheint. Auf  entsprechenden Social Media Plattformen wird nicht nur das rigide Essverhalten sondern teilweise auch das Erleben von Essanfällen propagiert und zelebriert sowie in manchen Foren gar als hilfreiche Strategie erachtet (Pila, E., Mond, J.M. et al: A thematic analysis of #cheatmeal images on social media: Characterizing an emerging dietary trend.  Int J Eat Disord 2017. 50(6):698-706 ). Aus der Sicht der Essstörungsforschung und -Therapie wird der Umgang werden Inhalt und Umgang mit Social Media kritisch betrachtet: Essanfälle als Symptom einer Essstörung werden im Kontext von Fitness- und Krafttrainingslifestyle bagatellisiert und verharmlost und der entsprechende kritische Leidensdruck heruntergespielt.  Bezüglich der Überschneidung von Bodybuilding und Muscle Dysmorphia zeigt sich ebenfalls ein gemischtes Bild. Wir verwenden hier den Begriff Bodybuilding für Personen, die an Bodybuilding-Wettkämpfen teilnehmen und/oder eine Körperzusammensetzung aufweisen, die einen überdurchschnittlich hohen Muskelmasseanteil bei einer sehr tiefen Körperfettanteil beinhaltet. Es scheint so zu sein, dass wettkampforientierte Bodybuilder eher keine oder nur wenige Symptome einer Muscle Dysmorphia aufweisen während nicht-wettkampforientierte Kraftsportler mit Bodybuilding-orientiertem Lebensstil und entsprechenden Körpermassen dafür vermehrter Kriterien einer Muscle Dysmorphia erfüllen (Mitchell, L. Murray, S et al:  Correlates of muscle dysmorphia symptomatology in natural bodybuilders: distinguishing factors in the pursuit of hyper-muscularity, Body Image  2017,  22 , 1-5. DOI:  10.1016/j.bodyim.2017.04.003)

Steroid-Missbrauch

Unter Steroidmissbrauch versteht man im Kraftsportbereich gemeinläufig den Einsatz von verschreibungspflichtigen, illegalen Medikamenten zur Veränderung des körperlichen Erscheinungsbilds.     Es ist davon auszugehen, dass eine hohe Dunkelziffer besteht (Kläber, M: Doping im Fitnessstudio, Transcript, Bielefeld, 2010). Der Missbrauch von Medikamenten, seien dies nun Wachstumsfördernde Substanzen oder aber auch Mittel, die den Stoffwechsel steigern und so bei der Reduktion von Körperfett helfen ist sicherlich Klassen- und Leistungsniveau-übergreifend (Kläber, M: Doping im Fitnessstudio, Transcript, Bielefeld, 2010). So verwenden Fitness- und Gesundheitsorientierte Trainierende eher Medikamente der zweitgenannten Sorte, während Leistungs- und Profibodybuilder eher zu Substanzen der ersten Kategorie greifen. Nahrungsmittelergänzungen (Proteinpulver, Vitaminsupplemente, Spurenelemente und Aminosäuren) erhalten dabei eine sogenannte „Gateway Funktion“. Das heisst, über die Veränderung der Ernährung und das Zuführen zusätzlicher, externen Mittel, wird versucht, der Trainingsreiz, die Ernährung und letztlich die Körperoptik zu optimieren. Dadurch entsteht ein Glaube an ein bestimmtes Wirkungsprinzip einer Handlung. Auf dieser Basis kann es zunächst zur Einnahme noch legaler Mittel zur Steigerung des Hormonspiegels oder des Stoffwechsels kommen und später zum Gebrauch von verschreibungspflichtigen Medikamenten. Auf dem Höhepunkt des Medikamentenmissbrauchs steht die Einnahme von günstigeren Tierarzneien sowie Strassendrogen (z.B. Kokain, Crack, Heroin, etc.). Diese werden oft eingesetzt, um die strengen Trainingsroutinen motivational überhaupt noch bewerkstelligen zu können.   Die Medikamenten-User sind zum grössten Teil netzwerkartig organisiert. Dealer oder Ärzte sind in diesen Netzwerken mit integriert. Nebst dem Aussetzen an einer Vielzahl an körperlich-gesundheitlichen Risiken gibt es immer mehr Belege dafür, dass der Missbrauch von Medikamenten zu schwerwiegenden psychischen Beeinträchtigungen führen kann. Nebst erhöhtem Risiko für Depressionen und Angststörungen wird die Reizbarkeit und Aggressivität erhöht.  (Piacentino D., Kotzalidis G.D. et al:  Anabolic-androgenic Steroid use and Psychopathology in Athletes.  A Systematic Review .  Curr Neuropharmacol ,  2015 , 13,  101-121) So kann es zu  gesteigerter Gewaltbereitschaft gegenüber Mitmenschen (insbesondere häusliche Gewalt) und in Einzelfällen zu impulsiv verübten Gewaltverbrechen oder impulsivem Suizid kommen. Bei entsprechender Vorbelastung steigt zudem das Risiko für den Ausbruch von Psychosen oder gar einer Schizzophrenie. An dieser Stelle muss auch die Gesellschaft für den Medikamentenmissbrauch Verantwortung übernehmen und eigentlich nicht beteiligte Mitmenschen vor den Folgen des Medikamentenmissbrauchs schützen.     

Organ Nebenwirkungen
Herz-Kreislaufsystem Höhere Blutfettwerte, vor allem LDL

Erhöhter Blutdruck

Arteriosklerose der Blutgefässe, v.a. Herzkranzgefässe
Leber Erhöhte Leberenzymaktivität, ähnlich bei Alkoholismus

Gelbsucht

Tumorbildung in der Leber, Leberkrebs
Muskel- und Skelettapparat In der Pubertät: vorzeitiger Verschluss der Epiphysenfugen (Vorzeitiger Wachstumsstopp)

Sehnen- und Gelenksschäden
Hormone Veränderung der Glukosetoleranz (ähnlich wie bei Diabetes)

Reduktion der Sexualhormonaktivität (FSH, LH)
Haut Steroidakne
Geschlechtsorgane Hodenschrumpfung

Gynäkomastie (Brustbildung beim Mann)

Verringerung der Spermienanzahl

Erhöhter oder Erniedrigter Sexualtrieb

Glatzenbildung

Unfruchtbarkeit

Hodenkrebs


Psyche Manische Episoden

Schnelle Stimmungswechsel mit Reizbarkeit und Impulsivität

Gewaltbereitschaft und Aggressivität

Depression (Freudlosigkeit, Schlafstörungen, Suizidalität)

Entscheidungshemmungen

Wahnvorstellungen

Paranoide Eifersucht

Was können Betroffene tun?

Der wichtigste Schritt ist die eigene Einsicht und das sich Eingestehen: „ich ein Problem habe“. Sich dann einer vertrauten Person, dem besten Freund, einem Elternteil, der Partnerin oder einer Lehrperson anzuvertrauen, kann eine erste Entlastung sein und den Weg öffnen, um sich ev auch durch die Vertrauensperson unterstützt   weitere  Hilfe zu holen.   Eine der wichtigsten Fragestellungen an sich selber im Rahmen von Selbsthilfe ist: wie war es, als es (Krafttraining, Sport, Essen) einfach Spass gemacht hat? Da der Werbung vorallem aber auch den Social Media Plattformen ein erheblicher Einfluss auf die Entstehung einer Muscle Dysmorphia zugesprochen werden muss, sollten Betroffene auch ihr Social-Media-Verhalten überdenken. Fitness-Influencern und Lifestyle Plattformen, die rigide Lebensweisen propagieren und mit vielen (Fitness-) Körperbildern werben nicht mehr zu folgen, kann Leidensdruck abbauen sowie die Körperunzufriedenheit punktuell verbessern sowie den Drang, Muskelmasse aufbauen zu wollen, abschwächen. Gelingt es im Selbstversuch nicht, beispielsweise die Verbotsliste an Nahrungsmitteln abzubauen oder die negativen Gedanken gegenüber dem eigenen Körper und der eigenen Person zu verändern, lohnt es sich, sich eine professionelle Unterstützung zu suchen. Viele Betroffene schämen sich, den Schritt in eine Psychotherapie zu machen. Die heutige Psychotherapie versteht sich jedoch als Hilfe zur Selbsthilfe. Im Falle der Muscle Dysmorphia geht es in der Psychotherapie darum, den Umgang mit der Ernährung wieder zu normalisieren (dh keine Verbote und damit kein schlechtes Gewissen mehr beim Essen zu erleben), die Gedanken und die Wahrnehmung in Bezug auf den Körper und die eigene Person positiver zu formulieren und den Selbstwert der Person zu stärken.  

Die folgende Tabelle beinhaltet 7 Empfehlungen im Rahmen der Möglichkeiten der Selbsthilfe. Greifen diese Hilfestellungen nicht, ist der Gang in eine professionelle Beratung oder Therapie empfohlen (nach J.F. Morgan: The invisible Man, Routledge, Soussex)

1 Kosten-Nutzen Analyse des (Fitness-Lebens)stils Welchen Gewinn bringt der momentane Lebensstil und wo muss man dadurch auf Dinge verzichten?
2 Leidensdruck mitteilen und sich öffnen Freunden/Familienmitgliedern mit vertrauensvollen Beziehungen von den Problemen mit Körper/ Essverhalten/ Training erzählen
3 Verhaltensweisen verändern Ess- und Trainingsverhalten genauer beobachten (zb mit Protokollen). Einflussfaktoren auf das Verhalten erkennen und Verändern (zb mehr verbotene Lebensmittel wieder einbauen, Essen mit Freunden)
4 Einstellungen und Gedanken verändern Typische Gedanken im Bezug auf Körperbild oder auch die eigene Person identifizieren, überdenken und umformulieren
5 Selbstfürsorge und Wohlfühlen ausbauen Neue Strategien im Umgang mit Emotionen wie Wut, Trauer, Angst. Mehr Situationen mit dem Erleben angenehmer Gefühle im Alltag einbauen
6 Professionelle Unterstützung vorbereiten Suche nach geeigneten Adressen für Beratung und Psychotherapie
7 Umgang mit Rückschlägen Erkennen von Risikosituationen. Strategien bei erneutem Rückschlag vorausplanen (zb. Wieder mehr Essen mit Freunden, Trainingszeiten wieder reduzieren etc.)

Was können Angehörige tun?

Niemand kann zu einer Therapie gezwungen werden, es sei denn, jemand verhält sich in einer Art und Weise , die als akut (lebens-)gefährdend oder Mitmenschen gefährdend eingestuft werden muss. In diesem Falle wird eine Gefährdungsmeldung nötig. Angehörige stehen den Verhaltensweisen der betroffenen Person oft hilflos und ohnmächtig gegenüber. Auch für sie ist es jedoch oft hilfreich und unterstützend , im Gespräch mit vertrauten Personen oder aber einer Fachperson, Entlastung zu erfahren zu lernen in der schwierigen Situation auch gut für sich zu sorgen und sich im Umgang mit den Problemen der betroffenen Person zu stärken.  

Medienartikel

Für Fachpersonen

Klinische Diagnostik

Alltagsbewegung, Sport und eine ausgewogene Ernährung gelten als Unterstützung der Gesundheit. Ein grosser Gesundheits- und Fitnessmarkt verzerrt heute die Wahrnehmung von gesundem Verhalten. Fitnesstraining mit entsprechendem Lebensstil und einer entsprechenden Körperoptik wird als gesund beworben. Wer in ein Fitnessstudio geht und bestimmte optische Körpernormen erfüllt, gilt erst einmal als gesund. Dies erschwert die Diagnostik der Muskeldysmorphie. Bisher stehen nur wenige diagnostische Hilfsmittel wie Fragebogen oder standardisierte Hilfsmittel zur Verfügung (Müller et al, Muskeldysmorphe Störung: Prävalenz, Diagnostik und Behandlung; Psychiatrie und Neurologie, in press). Hinzu kommt, dass die Grenzziehung zwischen gesunden und pathologischen Verhaltensweisen sowie gedanklichen Einstellungen gerade im Bereich des Fitnesslifestyles sehr schwierig ist. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: die Einnahme von Proteinshakes als solches gilt noch nicht als pathologisch. Erst im Kontext einer rigiden Ernährung und/oder einer verzerrten Körperwahrnehmung mit Ängsten körperlich nicht zu genügen kann die Einnahme von Proteinshakes Teil einer Pathologie sein.    Ein erster Versuch, die Muskeldysmorphie durch Diagnosekriterien einzuordnen geht auf den amerikanischen Psychiater Harrison G. Pope zurück. Pope gilt als Pionier zur Erforschung der Muskeldysmorphie. Sein Fokus liegt insbesondere in der Körperwahrnehmung, wobei die Wahrnehmung der Muskelmasse als auch Muskeldefinition in der Diagnostik berücksichtigt werden müssen.   

Diagnostekriterien der Muskeldysmorphie nach Pope (Pope H., et al.  Muscle Dysmorphia. An underregognized form of Body Dysmorphic Disorder. Psychosomatics 1997.  548 – 557):  

  • Starke Beschäftigung bezügl. zu geringer Muskelmasse und/oder zu hohem      Körperfettanteil
  • Daraus resultierende klinisch relevante Belastung oder Einschränkungen /Behinderungen im sozialen/beruflichen Alltag oder anderen wichtigen Lebensbereichen
  • Der Fokus der Beschäftigung und assoziierter Verhaltensweisen bezieht sich nicht auf eine alleinige Angst, dick zu sein (AN) oder andere, individuell abgrenzbare Aspekte der körperlichen Erscheinung (BDD)  

Die Beschäftigung/Belastung kann sich zeigen in: 

  • Einschränkungen im Sozialleben/Beruf/Freizeit wegen        dem zwanghaften Bedürfnis, Trainingsgewohnheiten oder spez.  Ernährungsregeln einhalten zu können. 
  • Vermeiden, den Körper zeigen zu müssen oder Exposition bei intensivem Angsterleben. 
  • Beschäftigung mit mangelnder Körpermasse oder Muskelanteil erzeugt klinisch relevante Belastung oder Einschränkungen. 
  • Fortsetzen intensiver Trainings und/oder Einnahme von Leistungssteigernden Substanzen trotz dem Wissen um gesundheitsgefährdende Konsequenzen.   ·         

Kernsymptome:  Starke Beschäftigung mit Erhöhung der Muskelmasse und gleichzeitiger Reduktion der Fettmasse bei: 

  • Wahrnehmungsstörungen (sich im Spiegel zu dünn und zu «fett» sehen) 
  • Verzerrten Kognitionen bezüglich körperlicher Mängel 
  • Emotionaler Beeinträchtigung (negative Gefühle, bei Störung der Trainings- und Ernährungsroutinen) 
  • Exzessives Body Checking, Vermeidungsverhalten, Steroidmissbrauch, Vernachlässigen sozialer und beruflicher Verpflichtungen           


Aufgrund der ausgeprägten Körperwahrnehmung verortete Pope die Muskeldysmorphie bei den Körperdysmorphen Störungen – ein diagnostischer Umstand, dem bis heute Rechnung getragen wird. So beschreibt das Amerikanische Diagnostische Manual (DSM-5) die Muskeldysmorphie als Sonderspezifikation einer körperdysmorphen Störung: 

Diagnosekriterien DSM 5 (APA. Diagnostic and statistical manual of mental disorders: DSM-5.  (5th edition ed.) Washington, D.C.: American Psychiatric Association 2013)   

  • Übermässige Beschäftigung mit einem oder mehreren vermeintlichen Mängeln oder Defekten im äusseren Erscheinungsbild, die für andere nicht erkennbar sind oder geringfügig erscheinen  
  • Neu: Im Verlauf der Störung hat die Person in Reaktion auf die Befürchtungen bezüglich des Aussehens sich wiederholende Verhaltensweisen –repetitiv– (z.B. Überprüfung im Spiegel, «skin picking», Rückversicherungsverhalten) oder gedankliche Handlungen (z.B. Vergleich des Aussehens mit anderen) ausgeführt. 
  • Die übermässige Beschäftigung verursacht in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.
  • Die übermässige Beschäftigung mit dem äusseren Erscheinungsbild wird nicht besser durch die Diagnose einer Essstörung erklärt (z.B. bei Befürchtungen in Bezug auf Körperfett oder -gewicht) 
  • Mit Muskeldysmorphophobie:  Die Person ist übermässig beschäftigt mit der Vorstellung, dass der Körper zu klein oder nicht ausreichend muskulös gebaut ist. Dieses Bestimmungsmerkmal trifft auch zu, wenn die Person sich übermässig mit anderen Körperbereichen beschäftigt, was sehr häufig der Fall ist.        


Im klinischen Alltag fallen Betroffene jedoch oft durch ihr rigides Essverhalten auf, das sich nicht selten in Essanfällen äussert. Dabei geht die Kontrolle über das Essverhalten verloren. Meist werden in kurzer Zeit viele Nahrungsmittel durcheinander gegessen – vorrangig solche, die man sich ansonsten verbietet (Munsch S, Wyssen A, Biedert E. Binge Eating.  Kognitive Verhaltenstherapie bei Essanfällen. Weinheim, Basel: Beltz Verlag; 2018). Betroffene erleben nach den Essanfällen Scham und Schuldgefühle. Dies sind typische Symptome einer Störung mit Essanfällen (engl: Binge Eating Störung). Kommt es nach den Essanfällen zu einer übermässigen Kompensation, um den Auswirkungen der Essanfälle entgehen zu wirken, liegt eine Tendenz zu einer Bulimie («Ess-Brech-Sucht») vor. So muss auch das auffallende, pathologische Essverhalten in den Gesamtkontext der betroffenen Person gestellt werden, um eine Muskeldysmorphie klar diagnostizieren zu können. Im klinischen Alltag kommt jedoch den Essanfällen und der Kompensation unabhänging vom Störungsbild eine hohe Aufmerksamkeit zu. 


Vereinfacht kann die Muskeldysmorphie momentan zusammenfassend als eine Körperbildstörung, die häufig an ein krankhaftes Essverhalten gekoppelt ist,   mit (meistens) Zügen eines pathologischen Essverhaltens, beschrieben werden

Kontakt

Brigitte Rychen-Habegger
Fachstellenleiterin
Inselspital Bern 

Kompetenzbereich Psychosomatische Medizin

Loryhaus 
3010 Bern 

Erreichbarkeit:
Mo, Do, Fr-Vormittag über

Kontakt  oder +41 76 368 96 17


Anette Guillebeau, Sachbearbeiterin/ Sekretariat Fachstelle PEP

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